TOM PLEHN

Struktur und Form – Tom Plehn spürt in diesem Werk der Essentiellen Malerei nach. Foto: Kai Oppel

Theoretisch. Praktisch. Minimalistisch.

„Wer Kunst betrachtet oder selbst Werke der Kunst schafft, sucht nach Wahrheit. Dabei stoße ich automatisch an die Grenzen der Wirklichkeit. Diese Grenzen sind selbst wiederum das geistige und physische Material der Kunst“, sagt der Künstler Tom Plehn über sein Verständnis von Kunst. Der 22-jährige nimmt noch in diesem Jahr an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein ein weiterführendes Malereistudium auf. In der Erfurter Pop-up-Galerie der Kreativtankstelle ist ein Werk bestehend aus acht Bildern von ihm zu sehen. Wir sprachen mit ihm über seine Kunst – und die Natur, die einen thematischen Schwerpunkt der Ausstellung bildet.

Natur ist für Dich?

Gnadenlos. Grausam. Schön. Die Natur ist die reichhaltigste Inspirationsquelle.
Was bedeutet für Sie Kunst?
Eine geistige Handlung, verkörperte Gedanken. Wer Kunst betrachtet oder selbst Werke der Kunst schafft, sucht nach Wahrheit. Dabei stoße ich automatisch an die Grenzen der Wirklichkeit. Diese Grenzen sind selbst wiederum das geistige und physische Material der Kunst.

Was möchtest Du mit Kunst generell ausdrücken?

In meinen Augen scheint die Malerei wieder selbstverständlich geworden zu sein. Dabei sind die Fragen, die um das Wesen der Malerei kreisen, nicht einmal annähernd beantwortet. Es scheint ein Desinteresse an dieser Frage zu geben. Das stört mich. Deswegen versuche ich mit meinen Arbeiten genau diese Fragen zur Sprache zu bringen.

Wer oder was beeinflusst Dein Schaffen?

Ich ziehe viel aus dem letzten Jahrhundert. Da ist so viel passiert, man kommt heute nicht drumherum, sich damit auseinanderzusetzen. Besonders angetan haben es mir Ad Reinhardt und Agnes Martin. Aber auch Duchamp, der ja irgendwie die Kunstwelt (die Künstler, wie die Kritiker) maßgebend verändert hat, fordert mein Arbeiten und damit meine Bilder heraus. Über theoretische Schriften versuche ich aber zeitlich weiter zurück zugehen. Wenn mich das Wesen der Malerei interessiert, muss ich mich für jede Art der Malerei interessieren und deren gemeinsamen Kern herausfinden.

Was zeichnet Dich als Künstler aus?

Konzentration und Stille: Ich verstehe mein Arbeiten in Abgrenzung zu dem, was ich als „Spektakel“ bezeichnen würde. Darunter darf man nicht alles Laute/Schrille verstehen, sondern mehr eine Weise wie das Laute/Schrille in Szene gesetzt wird. Aber auch Zweifel und Widerspruch bestimmen mein Handeln, fördern es, behindern es aber auch.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit?

Wie viele Künstler bin ich finanziell gezwungen auf billiges Material zurückzugreifen. Wie das hergestellt wird, weiß ich nicht und ich bin froh, dass ich es nicht weiß. Aber mit diesem Material gehe ich sorgsam um. Ich bin stets daran interessiert, das Material auf beste Art und Weise zu verwenden und wieder zu verwenden, nichts wegkommen zu lassen. Gleichzeitig ist Verschwendung ein wesentlicher Bestandteil der Kunst.

Welche Materialien verwendest Du bevorzugt?

Ich habe angefangen meine Leinwände selber zu bespannen. Der ungrundierte Baumwollstoff hat eine ganz eigene Qualität. Papier ist sehr geduldig, lässt alles mit sich machen. Acrylfarbe hat den großen Vorteil, dass sie schnell trocknet – das ist aber auch ihr Nachteil. Mit Ölfarbe lassen sich die für mich interessantesten Farbtöne mischen.

Wie wichtig ist für Dein Schaffen handwerkliches Können?

Ich bin nicht an einer Darstellung einer vermeintlichen Realität interessiert. Das Handwerk der Malerei interessiert mich auf der Ebene des Materials: Wie kann man Farben anmischen? Wie verändern Firnisse die Bildoberfläche? Welchen Einfluss kann der Bildträger auf das Bild nehmen?

Was bedeutet Dir Erfurt?

Wie viele habe ich mich gleich zu Beginn in Erfurt verliebt. Ich schätze die Ruhe hier sehr hoch. Dass man spazierend von einem Ort zum anderen kommt und man nicht ewig von einem Ort zum anderen braucht, lässt viel Raum. Andererseits scheint mir Erfurt kulturell einzuschlafen; dass sich vieles an der Oberfläche des „Schönen“ abspiele (also Kitsch). Die Schließung des Forum für Konkrete Kunst hat mich schockiert.

Wer ist Deine Zielgruppe?

Grundsätzlich jeder der bereit ist, an der Welt zu verzweifeln. Jeder der fragend an Kunst herantritt und der Meinung ist, die Kunst soll noch einen Gehalt und nicht nur einen ökonomischen Wert haben. Aber ich denke, dass ich mit den Fragen, die ich stelle, viele Leute abschrecke. Dem versuche ich entgegen zu wirken.

Was möchtest Du mit Deinen Arbeiten erreichen?

Von Darstellung und Bedeutung befreit, soll der Betrachter in seiner Fähigkeit zu sehen herausgefordert werden. Ich verstehe meine Arbeiten oft als Mauern: Ich stoße mit dem Kopf gegen die Wand. Und ich muss mich erst durch sie durcharbeiten. Das geschieht, indem ich sie mir anschaue (wieder und wieder) und über sie nachdenke. Also indem ich vor ihnen schweige und indem ich vor ihnen spreche.

Der erfolgreichste Moment in Deinem Schaffen?

Ich mag das Wort „Erfolg“ nicht. Jede Ausstellung bringt Glücksmomente. Am Schönsten ist es aber mit dem Malen anzufangen. Eine gelungene Linie, eine gut gesetzte Fläche sind Erfolg genug. Zumindest jetzt noch.

Beschreibe Deine Ausstellungsstücke in je maximal 3 Sätzen.

In Anlehnung an die Essentielle Malerei der 70er Jahre, habe ich die Wahl der Farbe und des Farbauftrags vorentschieden und mich strikt an diese Regeln gehalten. Die grauen Farbtöne entspringen der Entscheidung gegen sämtliche psychologischen Effekte, die Farben mit sich bringen (Rot wirkt aggressiv, Blau beruhigend usw.). Der Farbauftrag ist durch eine einfache Bewegungsrichtung bestimmt: Oben links beginnend, zieht der Pinsel vorsichtig die Ölfarbe nach unten, setzt dann oben wieder an und bewegt sich so langsam von links nach rechts, bis die Leinwand voll ist. Somit fällt die Frage einer innerbildlichen Komposition weg.